Linkshänder am Schlagzeug – Ein Workshop mit Thomas Bittner

Eigentlich war ich nur scharf auf „Unleash The Speed Double Bass Masterclass“ mit Alex Holzwarth. Deswegen studierte ich vor meinem Unterricht die Anmeldeliste. Würde es schon reichen? Plötzlich trat Andy dazu und meinte: „Du, den Linkshänder am Schlagzeug Workshop möchte ich dir unbedingt empfehlen.“ Das war eine guter Tipp …

Hey! Für 12 EUR ein zweistündiger Workshop mit einem Experten für Seitigkeit am Schlagzeug. Großartig! Hatte ich mich doch schon soviel mit meiner schwächeren Seite beschäftigt … Insofern war ich neugierig, auch wenn ich Rechtshänder bin.

Also saßen wir da – zu fünft! Plus Andy. Eigentlich ein Jammer. Was soll’s. Ohren und Augen aufgesperrt und los geht’s.

Thomas folgte der Linie seines Büchleins [amazon_textlink asin=’300056571X‘ text='“Linkshänder am Schlagzeug*“‚ template=’ProductLink‘ store=’DE001′ marketplace=’DE‘ link_id=’c70d0c90-d67c-11e8-af28-270567ea0275′].

Eigene Erfahrung als Linkshänder am Schlagzeug

Doch zuerst sollten wir ein paar Schläge nur rechts tun. Dann nur links. Bald konnte ich den Unterschied hören. Sehr subtil, aber die Energie war eine andere.

Thomas, selbst Linkshänder, der sich lange mit rechts qequält hat,  differenzierte nun die Energie der rechten und linken Seite. Rechts sei die mehr männliche Energie, links die mehr weibliche. Lustigerweise beobachte er folgendes: Rechtshändige, Schlagzeug spielende Mädels hätten eher einen mädchenhaften, zurückhaltenden Auftritt und Stil. Linkshändige würden sich eher wie Männer ans Set setzen und spielen. Wohingegen linkshändig spielende Kerle einen Sound haben, der sich von dem der rechtshändigen unterscheide.

Grundsätzlich seien Rechts und Links Polaritäten, wie viele auch, mit denen wir es nicht nur beim Schlagzeugspielen zu tun haben: hoch – tief, laut – leise, spät – früh, hell – dunkel, weich – hart, schnell – langsam.

Umwelt schult Linkshänder um – nicht nur am Schlagzeug

Durch die rechtshändig geprägte Umwelt sei so mancher Linkshänder auf Rechts umgeschult. Oft, ohne dass er sich dessen bewusst sei. Sie dazu auch das Grundlagenwerk von Barbara Sattler [amazon_textlink asin=’3403026450′ text='“Der umgeschulte Linkshänder*“‚ template=’ProductLink‘ store=’DE001′ marketplace=’DE‘ link_id=’06f0fc46-d67e-11e8-ab57-097a2abbf22e‘].

Das bedeute, dass er sich abmühe, wie ein Rechtshänder zu spielen und dabei vor allem mit dem Knoten im Hirn kämpfe. Denn niemand werde auf seiner schwächeren Seite jemals so gut, wie auf seiner starken Seite.

Hochprofessionelle Drummer vom Schlage eines Vinnie Colaiuta würden zwar links nahezu genauso gut spielen, wie rechts. Das beruhe aber vor allem darauf, dass sie mit der schwachen Seite die starke imitieren. Ihnen sei es letzten Endes egal, wie herum sie spielen.

Zur Linkshändigkeit am Schlagzeug bekennen

Als Schlagzeuglehrer mit Schwerpunkt Linkshänder am Schlagzeug hat Thomas Bittner oft eindrückliche Erlebnisse. Nämlich dann, wenn ein Schüler von einem anderen Lehrer komme, bei dem es immer geheißen habe, er müsse mehr üben.

Ein Schüler, der sich mit Groove schwer getan habe, nein – eigentlich mit allem. Mit kurzen diagnostische Abfragen kläre er dann die Seitigkeit. Dann fordere er den Schüler auf, sich an das linksseitig aufgestellte Schlagzeug zu setzen.

Viele würden das nicht wollen. Haben sie aber ihren Widerstand überwunden und die anfängliche motorisch-koordinative Schwierigkeit, tue sich ihnen oft eine neue Welt auf. Endlich komme Flow ins Spiel, endlich werde die Form gehalten, endlich stimme der Groove, endlich wollen die anderen mit ihnen spielen.

Kurz: Das ganze Leben öffne sich.

Vorteil Linkshänder

Hey! Ich habe ein Jahr lang täglich meine schwächere – die linke Seite – konditioniert und ausgebaut. Ich bin dazu der Weaker Side von Dom Famularo gefolgt.

Ganz ehrlich?! Es war ein mühsames Geschäft. Jeden Tag 30 Minuten. Schmerzhaft. Monoton. Langsam. Und jetzt kommt’s:

Der umgeschulte Linkshänder, der sich also am Schlagzeug auf rechts geschult hat, hat eine superstarke schwache Seite!

Ist doch genial.

Jetzt braucht er nur noch seine starke Seite schulen. Das ist Welten leichter, als umgekehrt.

Ich sag’s mal so: Hört auf zu jammern. Ihr habt ein tolles Geschenk!

Open Handed – zu kopfig

Eine eindeutige Absage erteilt Thomas der Open Handed Technik („Open Handed ist scheiße!“). Klar gebe es diesen Trend. Aber er beobachte, dass bei fast jedem Opend-Handed-Drummer der Groove und die Tightness auf der schwächeren Seite nachlasse.

Dabei sei der Gesichtsausdruck angestrengt und die Energie im Körper schlecht verteilt. Das ändere sich sicht- und hörbar sofort, wenn sie auf ihrer starken Seite spielen.

Als Beispiele nannte Thomas Patrick Metzger, der bei Open Handed angestrengter wirke, als wenn er seiner dominanten Seite entsprechend spielen würde.

Seit Dom Famularo die Open-Handed-Spielweise propagiere sei er schlechter geworden und habe den Anschluss verpasst.

Open Handed sei eher eine Kopfgeburt, als dass sie der Natur des Menschen und des Schlagzeugspielens entspreche. Ausnahmen bestätigen die Regel (Billy Cobham).

Es sei wichtiger die spezifischen Stärken der jeweiligen Seite heraus zu arbeiten. Wie hört sich meine linke Seite an, wie die rechte? Wie hören sie sich richtig an?

Aufbau des Sets

Linkshänder am Schlagzeug brauchen  – so Thomas – ein links aufgebautes Set. Basta. Mit ein bisschen Übung lässt sich ein Set auch schnell von rechts auf links umbauen. Das war’s.

Barfuß am Schlagzeug?

Eine Konnotation zum Fußspiel: Warum kenianische Läufer einen so großen Wettbewerbsvorteil haben? Weil sie mangels Equipment barfuß trainiert haben.

Dadurch würden sie vor allem auf dem Vorderfuß laufen, was den gesamten Laufapparat besser nutze und stärke. So habe er – Thomas – für sich entdeckt, dass er nur noch Heel-Up spiele.

Dadurch seien Schmerzen zurückgegangen, die sich in umfangreicheren Übphasen entwickelt hatten, während derer er Heel-Down gespielt habe. Auch das Timing-Gefühl ganz vorne zu sein, habe sich für Thomas verbessert.

Sitzhöhe

Thomas machte noch eine interessante Bemerkung zur Sitzhöhe. Er habe beobachtet, dass eine geringere Sitzhöhe zu einem schwereren Groove führe und umgekehrt. Ich werde dem an anderer Stelle nachgehen.

Fazit

Für mich ist zum jetzigen Zeitpunkt die Open-Handed-Spielweise noch graue Theorie, da ich noch etwa einem halben Jahr meinem Fußgelübde folge.

Dass jede Körperseite ihre eigene Dynamik und Sound haben, erlebe ich täglich. Ich werde noch mehr Augenmerk auf die unterschiedlichen Qualitäten richten, damit ich sie weiter entwickeln kann.

Sehr unterschiedlich erlebe ich auch die Qualitäten des Heel-Up und Heel-Down-Spiels. Darauf möchte ich an anderer Stelle eingehen. Aus dem Stand der jetzigen Erfahrung möchte ich unbedingt beide Spielweisen entwickeln.

Grundsätzlich: Ich finde es selbstverständlich, die Dominanz eines Menschen beim Schlagzeugspielen zu berücksichtigen. Die dunklen Zeiten der umgelernten Linkshänder sollten einfach vorbei sein.

Ich bin kein Linkshänder am Schlagzeug. Deswegen ist es für mich kein primäres Thema. Ich habe aber den Anspruch, auch die schwächere Seite zur Virtuosität zu entwickeln. Denn erst im Zusammenspiel beider Seiten kann sich entfalten, was ich innerlich schon höre. Und dass ich auf einem guten Weg bin, höre und spüre ich jeden Tag.

Zum Imitieren. Ich finde imitieren gut. Wir imitieren von Anfang an. Würden wir nicht von Menschen umgeben sein, die aufrecht gehen, hätten wir es auch nicht gelernt. Warum soll also die schwächere Seite nicht von der stärken lernen dürfen – durch imitieren?

Anhang: Linkshändigkeit und Steinzeit

Irgendwann beim Üben hatte ich eine Idee. Mich bewegte die Frage, warum Menschen überhaupt eine Seitigkeit haben? Und wie es zur Bevorzugung einer Seite kommen konnte. Daraufhin habe ich ein wilde Theorie gebildet.

Zur Wahrung der Hygiene haben sich die Menschen schon sehr früh für eine Seite entschlossen. Nämlich für die, mit der sie sich den Po abwischen. Aus irgendeinem Grund, für den meine Theorie nicht ausreicht, war es die linke Seite. Die Linke ist somit die Hand, die beschmutzt war, die „böse“ war. Die Dinge besser nicht anfassen sollte.

Somit war die Dominanz der rechten Seite geboren. Hm?!

Oder war die Dominanz der rechten Seite der Grund, warum die Linke für die Reinigungsarbeit benutzt wurde? Ich weiß es nicht.

Linkshändigkeit am Schlagzeug - Ursprung in der Steinzeit?
Das Werkzeug in der Rechten – locken mit dem Duft der Linken? (Bild: Klaus Hausmann/Pixabay)

Ich weiß nur: Dank Arschdusche* brauchen wir heute keine Hand mehr für die Poreinigung. Das finde ich fantastisch!

Ah … damit entfällt natürlich auch der Grund, warum Links nicht ausgebildet werden sollte.

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